Welzheimer Zeitung (März 2006 von Rainer Stütz)


Welzheim/Kaisersbach. Für Eberhard Bohn, den Mühlenbauer aus Kirchenkirnberg, ist dieses Gedicht die Hymne des Welzheimer Waldes. In seiner Welzheimer Zeit hat der Arzt Kerner viele Wanderungen unternommen und auch an der Klingenmühle eine Rast eingelegt. Das wildromantische Tal weckte seine Gefühle.

 
Klingenmühle - historische Ansicht
(Justinus Kerner, von 1812 bis 1815 Oberamtsarzt in Welzheim)

 

Der Wanderer in der Sägmühle

Dort unten in der Mühle
Saß ich in süßer Ruh
Und sah dem Räderspiele
Und sah den Wassern zu.

Sah zu der blanken Säge,
Es war mir wie ein Traum,
Die bahnte lange Wege
In einen Tannenbaum.

Die Tanne war wie lebend,
In Trauermelodie,
Durch alle Fasern bebend
Sang diese Worte sie:

Du kehrst zur rechten Stunde,
O Wanderer, hier ein,
Du bist’s, für den die Wunde
Mir dringt ins Herz hinein!

Du bist’s, für den wird werden,
Wenn kurz gewandert du,
Dies Holz im Schoß der Erden
Ein Schrein zur langen Ruh.

Vier Bretter sah ich fallen,
Mir ward’s ums Herz schwer,
Ein Wörtlein wollt ich lallen,
Da ging das Rad nicht mehr.


In Sachen Mühlen ist Eberhard Bohn unschlagbar. Er kennt jede bis ins kleinste Detail, wie er bei einem Vortrag des Ski- und Wanderclubs Cronhütte bewies. Zu deren Mitgliedern pflegt Bohn einen engen Kontakt. Haben doch deren aktiven Helfer dafür gesorgt, dass sich manches Mühlenrad wieder dreht, so an der Menzlesmühle und an der Hundsberger Sägmühle.

Auch die Klingenmühle war einst eine Sägmühle. Ein Steg führte über die Wieslauf zu einem abgestürzten Sandsteinfelsen. Das soll der Lieblingsplatz des Dichters gewesen sein. Von dort aus konnte er die Arbeit des Sägmüllers an seiner Einblattsäge, dem Hochgang, beobachten. „Dass die Klingemühle weder als Säg- noch als Mahlmühle jemals große Bedeutung erlangte, ist bei der Lage in der tiefen, engen Schlucht verständlich.“ Wie die Zufuhr der Baumstämme und das Heraufschaffen der fertigen Bretter und Balken bewerkstelligt wurde, ist selbst Eberhard Bohn heute noch ein Rätsel. Der steile Weg von der Landstraße Rudersberg - Welzheim trägt noch heute den Namen „Eselsweg“. Zum Transport wurden also offenbar Esel eingesetzt. Das klingt romantisch, für den Klingenmüller blieb davon aber nicht viel übrig und das aus einem triftigen Grund.

Der Ebnisee wurde 1746, also vor 260 Jahren, zum ersten Mal gefüllt, um Scheiterholz in den Stuttgarter Raum zu flößen. Zur Zeit, als Justinus Kerner an der Klingenmühle dichtete, war der Höhepunkt des „Scheuter-Geflöz“ schon einige Jahre überschritten, aber es polterten immer noch gewaltige Mengen Holz durch die enge Schlucht. „Alle Mühlen müssen während des Flößens stillstehen“ und; „Die Müller müssen wesentliche Teile ihrer Betriebe selbst schützen und reparieren“. 1862 wird die Flößerei endgültig eingestellt.

In den Triebwerksakten, die Eberhard Bohn ausgegraben hat, steht: 1863 beabsichtigter Bau einer Mahlmühle 300 Meter oberhalb der bisherigen Mühle, 1869 Verlegung der Sägmühle, 1879 Erneuerung des baufälligen „Mühlwöhrs“ und genaue Beschreibung der Mahl- und Sägmühle (bis dahin nie richtig auseinander gehalten.“ 80 Meter unterhalb der Mahlmühle befindet sich die Sägmühle.

Was weiterhin mit der Wasserkraft der Wieslauf passierte, ist in keiner Triebwerksakte zu finden Der Betreiber hatte es nicht nötig, sich an eine Bauordnung zu halten. Der langjährige Betriebsleiter des Bauknechtwerks Klingenmühle Georg Schmied aus Welzheim berichtete:

1923 wurde von einer Stuttgarter Firma an der Landstraße eine Fabrik gebaut. Diese Firma brauchte Strom für eine Galvanisierungsanlage. Dazu wurde oberhalb der Schlucht ein Speichersee angelegt und eine Voith-Francis-Spiralturbine mit 65 PS Leistung eingebaut. Die Firma ging in Konkurs.

Im Oktober 1937 übernahm Bauknecht das Werk und kaufte auch die alte Klingenmühle unten in der Schlucht, um zwei Wohnungen für leitende Angestellte einzurichten. Zu diesem Zeitpunkt war laut Georg Schmied die Mühleneinrichtung noch intakt, aber nicht mehr in Betrieb. Reste von einem großen Wasserrad waren noch vorhanden. Ein Stück abwärts waren noch Mauerreste der Sägmühle auszumachen.

Die Turbine war bei Bauknecht voll im Einsatz. Im Laufe der Zeit wurde eine Stromleitung zum Werk Welzheim gelegt. Diese Leitung hatte auch eine Verbindung zur Molkerei Welzheim. Als nach dem Krieg die öffentliche Stromversorgung zusammen brach, konnten mit dem Strom der Wieslauf die Kühlanlagen der Molkerei in Gang gehalten werden.

Nach dem Krieg baute Bauknecht den oberen Speichersee weiter aus und verstärkte die Rohrleitungen (übrigens mit Rohren, die aus V 2-Abschussrampen stammten). Voith installierte eine zweite Francis-Spiralturbine mit 128 PS Leistung. Das Gefälle gibt Georg Schmied mit 56 Metern an. In wasserreichen Monaten konnten bis zu 70 000 Kilomwattstunden Strom pro Monat erzeugt werden. Bauknecht verwendete die Anlage, um Spitzenstrom abzufangen und damit einen günstigen Tarif mit dem E-Werk aushandeln zu können.

Zum 60. Geburtstag von Gottlob Bauknecht 1954 bauten ihm seine Lehrlinge vom Werk Klingenmühle wieder ein Wasserrad an der alten Stelle. In Wirklichkeit waren es aber Zimmerleute, die Rad und Gerinne wieder erstellten, deshalb gab es später Ärger mit dem Finanzamt. In dieses Rad stiegen in den 70er-Jahren ein paar Jugendliche und brachten es zum Laufen. Das Rad lief immer schneller, ein 16-jähriger Franzose sprang heraus, kam mit dem Kopf zwischen Rad und Sockel und verunglückte tödlich.

Die historische Klingenmühle kam nach Bauknecht in Privatbesitz und ist heute ein kleines Schmuckstück, „aber kaum mehr als Mühle zu erkennen“, bedauert Eberhard Bohn. Die Turbinenanlage wurde stillgelegt und ist zerfallen. Kein Rad dreht sich mehr und dieser Stelle des verwunschenen Wieslauftal.

Anmerkungen:

  • Albrecht Brenner, Revierförster, Kaisersbach auf eine Frage von Martin Kastner, Oberstenfeld nach einer Gebäuderuine: "Der Beschreibung nach handelt es sich um das Turbinenhaus von Bauknecht  Klingenmühle. Dort stand eine Turbine, die Strom erzeugt hat. Der Turbinen- antrieb erfolgte durch Wasser aus dem See am Laufenmühleparkplatz gegenüber dem Christopherus-Heims (sog. Bauknechtsee). Das Wasser wurde in einem Stahlrohr mit ca. 30 cm Durchmesser zu der erheblich tieferliegenden Turbine geführt.
    Bauknecht hat selbst für das Werk Klingenmühle Strom erzeugt, solange noch kein öffentlicher Anschluss vorhanden war. Irgendwann hat sich dann die Unterhaltung der Turbine und des Häuschens nicht mehr gelohnt und es verfiel. Immer wieder kommt der Gedanke auf, es zu restaurieren.
    Vielleicht klappt es eines Tages, wenn weitere Attraktionen im Umfeld der Tourismusbahn geschaffen werden."
  • Stefan Schaal, Stuttgart: “Der Todesfall datiert in meine Grundschulzeit (1974-1978).” (Im Zeitungsbericht waren ursprünglich die “frühen 60-er Jahre” genannt).

 

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