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Extra Bier
Ostkastell Welzheim
Legionäre

Willkommen im römischen Handwerkerlager!

Viele alte Gewerke machen die Auswahl schwer / Schmuck nach antiken Vorbildern von Hand gearbeitet / Römisches Schuhwerk

Text von Nadine Zühr - Welzheimer Zeitung (ZVW)

Welzheim.

Antike Waffen"Der Dolch war ein Statussymbol der alten Römer, aber natürlich auch eine Waffe" sagt Erik Lechel. Wohl zum x-ten Male heute. Die feinziselierte Waffe hätte der kleine Steppke vor dem Ladentisch wohl gern, doch der Herr Papa will's nicht so recht finanzieren. Behutsam steckt der kleine "HobbyRömer" den Dolch in die Scheide zurück. Neben dem Ostkastell hat Erik Lechel, Freund antiker Waffen, seinen Verkaufsstand aufgestellt. Und immer wieder ziehen Kleine und Große mit begehrlichen Augen an Lechels Kunstschmiedearbeiten vorüber. Im wirklichen Leben baut der Trierer Küchen auf, aber seine Freizeit gehört der Kunst der antiken Waffenverzierung. "Das Schmuckempfinden der Römer war sehr ausgeprägt. Waffen verschönere ich zum Beispiel, indem ich Silbersulfat auftrage. Das schwärzt das Silber und man kann Muster einritzen. Weit verbreitet war auch das Aufbringen eines Musters aus einem anderen Material", erklärt Erik Lechel. Leben müssen möchte er von seinem Hobby nicht. An einem Dolch arbeitet er 50 bis 60 Stunden, "das ist fast nicht bezahlbar, wenn du dich davon ernähren musst. Heute hat der Waffenkünstler bisher einige Pfeilspitzen für drei Euro verkauft. Ein reich verziertes, großes Schwert mit Knochenschnitzereien kommt dagegen auf einige tausend Euro.

Nebenan bietet Ira König, auch aus der Trierer Gegend, antiken Schmuck an. Wunderschöne Perlenketten, bunte Ohrringe, massive Armreifen und Ringe aus Gold und Silber liegen in den Auslagen. "Damals trug die Oberschicht üppige Juwelen. Am kleinen Finger steckte gern ein Brillantring. Hätte ich meinen Stand damals in einem Kastell wie Welzheim aufgebaut, hätte ich wahrscheinlich nur ein paar Bronzeringe oder etwas Bernstein verkauft." Ira König arbeitet als Restauratorin, hat dabei auch die Goldschmiedekunst erlernt und fand im Reproduzieren antiker Schmuckstücke ihr Hobby. "Hier zum Beispiel haben wir ein Armband, das aus der Spätantike stammt. Es zeigt Kaiser Konstantin, der als einziger römischer Kaiser auf deutschem Boden residierte. Später hat dieses Schmuckstück Kaiserin Sissi von ihrem Franz Josef bekommen." Auch bei Ira König reicht die Preisspanne von erschwinglichen kleinen Ohrringen bis zu 1500 Euro für eine Kette. "Da ist jedes Stück Handarbeit. Wir wollen gar keine billigere Massenfertigung.Antiker Schmuck " Doch was nutzt Schmuck, wenn das Schuhwerk nicht stimmt? Darum kümmert sich nämlich Karl Behr aus Sulzbach. Viel "neues altes" Schuhwerk hat er auf seiner Theke aufgebaut: die Caliga, Militärstiefel aus einem Stück Leder gearbeitet, oder auch die Seulponea, eine Holzpantine, die mit Riemen am Fuß befestigt wird, oder auch eine Art antiker" Schlappen" für heiße Tage. Auch Yves Rüttimann, ein Legionär vom Helm bis zur Sandale, informiert sich. .Ich bevorzuge die Caliga, habe meine aber selbst gebaut", erklärt er und weist auf sein geflochtenes dunkles Schuhwerk. "Damit bin ich jetzt schon drei Jahre lang durch Dreck, Matsch und Wasser marschiert." Der junge Schweizer aus St. Gallen ist mit zwei Freunden nach Welzheim angereist. Natürlich haben die Drei die Fahne ihrer Legion im Gepäck. "Das war so in der römischen Armee. Egal, ob drei Soldaten beim Straßenbau arbeiteten oder dreihundert in der Schlacht kämpften, sie hatten immer ihre Fahne mit." Den Schweizern gefällt es bei den Römertagen. Es ist eine sehr schöne Atmosphäre, die Besucher nehmen sehr rege teil. Besonders gefällt mir, dass ein Teil des Kastells aufgebaut wurde."

.,Römische Fußwaschung und Massage", wirbt ein Schild einige Stände weiter bei Ellen Efferl aus Welzheim. Sie bietet Massagen mit "magischen Händen" an. "Die Römer waren Genussmenschen. Massagen waren schon damals, beispielsweise vor dem Bade, sehr gefragt", meint die gelernte Arzthelferin und knetet fast zärtlich den Nacken eines älteren Herren.

Wer noch mehr über die Sitten der Römer erfahren möchte, den informieren die Achtklässler der Lateinkurse des Limes Gymnasiums. "Wir haben im Unterricht Werbeanzeigen auf lateinische Ausdrücke hin untersucht und eine Schautafel vorbereitet", erklärt David Carrozzo. Herausgefunden haben sie, dass Namen wie "Vox", "Bonaqa", "Multivitamin" oder "Nivea" alle einen lateinischen Ursprung haben. Wer will, kann zu weiteren Sprachinformationen einen Becher Mulsum trinken. "Das war eines der beliebtesten Getränke im römischen Reich", erklärt Lehrer Volker Mayer. Das Ergebnis schmeckt wie ein fruchtiger Glühwein und kräftig nach Zimt. Auf einer Schale liegen Radieschen, Zwiebeln, Kirschen, Trauben und Feigen. "Das sind Früchte, die die Römer mitbrachten, als sie hier siedelten", erklärt der Lehrer einer Mutter mit Kind. Doch der Junior will von Lehrerworten offenbar noch nichts hören und drängt mit Macht nach nebenan.

WaffenschmiedeHier kann man dem Schmied Nils Holloh bei der Arbeit zusehen. Zwei riesige Blasebälge halten ein kleines Holzkohlenfeuer in Gang. An dem kleinen Amboss vorn hat Holloh eine Auswahl seiner Erzeugnisse ausgebreitet: Kurzschwerte, Streitäxte, Hirschfänger und wahre Macheten. Kleine Holzschwerter, Glas- und Keramikperlen werden besonders gern gekauft.

Gute Umsätze werden auch am Stand des Landesdenkmalamtes erzielt. Doris Staus verkauft hier Lose, Bücher und Postkarten, ihr Mann prägt, sehr zur Freude der Kinder, keltische Münzen. Das sieht gar nicht so schwer aus. Ein dicker Metallstößel, der das Muster an der Spitze innehat, bekommt drei schwere Schläge von einem fleischklopferähnlichen Holzhammer, schon ist aus einem Aluchip ein keltisches Zahlungsmittel geworden. Der Erlös geht an die Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte. Der Stand bietet sich zudem für fachmännische Gespräche an. Lohnt sich die Fahrt zu den Römertagen nach Xanten oder ist Trier doch interessanter? Wie waren die letzten Aalener Römertage? Seid Ihr nächstes Jahr auch wieder mit dabei? Man kennt sich unter "FachRömern".

Damit so viel Bildung nicht anstrengt, bietet sich ein Besuch beim Gepäckstangenlauf der Bürgfeldschule an. Kinder verwandeln sich hier mittels roter Toga in römische Eilkuriere, die eine gefährliche Wegstrecke über Heuballen, Wasserbecken und Holzwippen zurücklegen müssen, stets ein Holzkreuz mit Töpfen, Kochlöffeln und Holzschwert auf den Schultern.

Wohin nun? Zum römischen Friseur, zum Münzenprägen, zum Orakel, zum Mosaikleger, zum Streitwagenfahren oder zum Gepäckstangenlauf? "All die schönen Stände, man kann gar nicht alles so schnell erkunden", klagt eine ältere Frau. "Ach Rose, das macht doch nichts", tröstet der Ehemann. "So'n Fest, das machen die bestimmt mal wieder, dann kommen wir wieder her."

Frauen im Webegewand hinter den stolzen Römern

In der Cohors 1. Germanorum sind auch Frauen zu sehen / Mit vielen Fachkenntnissen zeigen sie den Alltag im Römerkastell

Welzheim (nz). Die Römer, die Kriegsmaschinerie, das Lagerleben, klar, da denkt jeder sofort an Männer. Doch in der Cohors 1. Germanorum, die zu den Welzheimer Römertagen im Ostkastell weilte, haben auch die Frauen ihren Platz.

RömerlagerFreilich, nicht an der Waffe. "Das gab es damals nicht in der römischen Armee, da gibt es nichts zu diskutieren", sagt Ulrike Leifer. Die junge Frau sitzt barfüßig im Gras, vor ihr raucht das Lagerfeuer, hinter ihr stehen die Zelte der Cohors I. Germanorum, einer der Schaugruppen im Römerlager. Jetzt, gegen Abend, ist es ruhig geworden in den Mauern des Ostkastells. Zeit für die Vorführenden, einmal durchzuatmen, Zeit, auch etwas neben den obligatorischen Erklärungen zu erzählen. Und erzählen, das tut Ulrike Leifer mit Begeisterung, vor allem, wenn es um ihr Hobby geht.

Wochentags arbeitet die studierte Archäologin in einem Supermarkt, doch am Wochenende macht sie sich auf eine Zeitreise. Dann verwandelt sie sich in eine Germanin, deren Mann in einer Auxiliareinheit, einer Hilfseinheit der römischen Armee, kämpft. "Offiziell durften die Legionäre nicht verheiratet sein, aber Frauen hatten sie natürlich trotzdem. Die haben mit den Händlern vor den Kastellen gelebt."

KeramikDeren Alltagsleben wollen die Frauen in dieser wohl deutschlandweit einzigen "gemischten" Schaugruppe darstellen. In der rund 30 Begeisterten starken Cohorte aus dem Raum Hannover hat jedes Mitglied sein Spezialgebiet: Medizin, Waffenkunde, Kochkunst, terra sigelata Keramikfertigung, Ernährung oder die Glasherstellung, Ulrike Leifers Steckenpferd. Auch Modenschauen führen die Frauen oft vor. Ganz wichtig ist ihnen, zu vermitteln, warum was getragen wird, welche Funde und Erkenntnisse zu diesem oder jenem Kleidungsstück führten. "Nur allein die Frau in der Küche darzustellen, das ist uns zu langweilig", meint die agile Mittdreißigerin.

Obwohl die Gaumenfreuden nicht unwichtig sind an historischen Wochenenden. Selbstverständlich wird nur nach alten Rezepten gekocht. Heute gab es Datteln mit Moretum. "Das ist unser kalter Klassiker. Die Früchte werden mit einer Mischung aus Schafskäse, viel Knoblauch, Staudensellerie, Olivenöl und Kräutern gefüllt. Wenn du davon viel isst, verschont dich jede Mücke." Zum Frühstück gibt es traditionsgemäß keinen Kaffee, sondern verdünnten Wein oder Wasser.

Doch die Küche ist ja nur Nebensache. Auch der Herstellung ihrer historischen Kleidung und Accessoires widmen die Gruppenmitglieder viel Zeit. Silberne Helme, Schwerter, Rüstungen und Kettenhemden  alles will von Hand gearbeitet und nach originalen Vorlagen gefertigt sein. Nur zu den Handgriffen, die die "professionellen Hobbyrömer" nicht selbst können, wird ein Handwerker hinzugezogen. "Sonst helfen wir uns untereinander, man hat ja Erfahrung." Eine Ausrüstung der Männer ist zwischen 5 000 und 10 000 Euro wert.

Dagegen sehen die Frauen in ihren groben Wolltrachten eher schlicht aus. Ulrike Leifer trägt einen selbstgenähten Peplos: ein ärmelloses langes Gewand aus einem rechteckigen Tuch, das über den Schultern zusammengeheftet ist. Der Schnitt stammt von einem Grabfund im Moor von Damendorf. Nur sehr wenige Gewänder sind aus der Antike erhalten geblieben.

Webtücher"Wie genau die Farben ausgesehen haben, das wissen wir heute nicht mehr, denn die Moorsäure zersetzt stark." Es gebe teure Analyseverfahren, durch die die ursprüngliche Farbe herausgefunden werden kann, erklärt Sylvia Crumbach. Sie gesellt sich dazu, Stoffe, die sind ihr Fachgebiet. Eigentlich wäre die technische Kalkulatorin gern Archäologin geworden, doch das klappte nicht. So fand sie in der römischen Schaugruppe ihr Hobby.

Und auch zu Farben kann sie einiges erzählen: "Unsere Farben färbten vor allem mit Pflanzen. Durch Faulbaum gewann man Gelb, Färberwaid gab Blau, Krapp Rot. Blau und Rot waren die Farben der Antike."

Ihrem Spezialgebiet, den keltischen und germanischen Textilien, widme sie täglich zwei bis drei Stunden Zeit, sagt die junge Frau. Sie trägt heute ein weites wollenes Oberteil, der Schnitt war wohl der frühe Vorläufer eines T-Shirts, und dazu einen wollenen Rock. "Das Original dazu stammt aus der sogenannten Jastorfer Kultur der Kelten aus dem fünften Jahrhundert vor Christus."

Für Sylvia Crumbach ist klar, dass die Kleidung auch von Beginn an selbst hergestellt wird. Sie wäscht Wolle, spinnt sie und webt Stoffe an einem mit Steingewichten beschwerten Webstuhl. "Das ist gar nicht schwer, nur heute kann ich es nicht vorführen. Wegen der Hitze ist das Leinen brüchig. Damals gab es eigene kühle Webhäuser", seufzt sie.

Einige späte Besucher kommen durch das Welzheimer Ostkastell herein und steuern auf die beiden Frauen zu. "Sagen Sie mal, wie war das denn damals..." Und Sylvia Crumbach beginnt zu erzählen. "Die Leute hier in Welzheim sind wirklich sehr interessiert", meint Ulrike Leifer, "so möchte man das immer haben."

Müder Krieger

 

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