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ERMUTIGUNG - Wolf Biermann
SPUREN IM SAND - Margaret Fishback Powers
WER SICH SELBST KENNT - Laotse
TROTZDEM - aus Tunesien
DER BRUDER - aus Indien
REGELN - Anthony de Mello
SEGENSWUNSCH - aus Irland
UM MICH ZU ERFREUEN - Tschuang-Tse
STANDFESTIGKEIT - unbekannter Verfasser
SO KÖNNEN SIE SICH ÄNDERN - Mark Twain
DREI FRÖSCHE - Alte Fabel
VERTRAUEN - unbekannter Verfasser
ZUFRIEDENHEIT - H. L. Gee
ARGUMENTE - H. L. Gee
TRÄUME -  Bertolt Brecht
   

 

ERMUTIGUNG - Wolf Biermann

Du lass Dich nicht verhaerten
in dieser harten Zeit
die all zu hart sind brechen
die all zu spitz sind stechen
und brechen ab sogleich

Du lass Dich nicht verbittern
in dieser bitt'ren Zeit
die Herrschenden erzittern
- sitzt Du erst hinter Gittern -
doch nicht vor Deinem Leid

Du lass Dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit
das woll'n sie doch bezwecken
dass wir die Waffen strecken
schon vor dem grossen Streit

Du lass Dich nicht verbrauchen
gebrauche Deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
grad Deine Heiterkeit

Wir wollen es nicht verschweigen
in dieser Schweigerzeit
das Gruen bricht aus den Zweigen
wir woll'n das allen zeigen
dann wissen sie Bescheid
 
 

SPUREN IM SAND - Margaret Fishback Powers

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel
erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.
Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen
vorübergezogen war, blickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges
nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,
da hast du mir versprochen,
auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich,
daß in den schwersten Zeiten meines Lebens
nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen,
als ich dich am meisten brauchte?"

Da antwortete er: "Mein liebes Kind,
ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,
erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur
gesehen hast,
da habe ich dich getragen."


Copyright © 1964 Margaret Fishback Powers
Copyright © der deutschen Übersetzung 1996 Brunnen Verlag Gießen.
www.brunnen-verlag.de
Herzlichen Dank an den Brunnen Verlag, der einer Veröffentlichung an dieser Stelle zugestimmt hat.

 

WER SICH SELBST KENNT - Laotse

Wer andere kennt, ist klug.
Wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andere besiegt, hat Kraft.
Wer sich selber besiegt, ist stark.
Wer sich durchsetzt, hat Willen.
Wer sich genügen läßt, ist reich.
Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer.
Wer auch im Tod nicht untergeht, der lebt.
 
 

TROTZDEM - aus Tunesien

Ein Mensch konnte nichts Schönes und Gesundes ertragen. Als er in einer Oase
einen jungen Palmbaum im schönsten Wuchs fand, nahm er einen schweren Stein
und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem Lachen ging er weiter.

Die Palme versuchte die Last abzuwerfen. Sie schüttelte und bog sich. Vergebens.
Sie krallte sich tiefer in den Boden, bis ihre Wurzeln verborgene Wasseradern
erreichten. Diese Kraft aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten
sie zu einer königlichen Palme, die auch den Stein hochstemmen konnte.

Nach Jahren kam der Mann wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu erfreuen.
Da senkte die kräftige Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte:
>>Ich muß dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht.<<
 
 

DER BRUDER - aus Indien

"Wird die Last nicht zu schwer?"  wurde in Indien ein Mädchen gefragt, das seinen
kranken Bruder auf der Schulter trug.

"Das ist keine Last, das ist mein Bruder", antwortet die Schwester.
 
 

REGELN - Anthony de Mello

Es gab Regeln im Kloster, aber der Meister rief immer zur Vorsicht gegenüber der
Tyrannei des Gesetzes auf:

"Gehorsam hält die Regeln ein", pflegte er zu sagen,
"Liebe weiß, wann sie zu brechen sind."
 
 

SEGENSWUNSCH - aus Irland

Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen,
mögest du den Wind im Rücken haben,
möge die Sonne warm dein Gesicht bescheinen,
mögen die Regentropfen sanft auf deine Felder fallen,
und, bis wir uns wiedersehen,
möge Gott seien schützende Hand über dir halten.
 
 

UM MICH ZU ERFREUEN - Tschuang-Tse

Als der Weise ostwärts zum Ozean reiste,
begegnete er Yüan-Feng am Östlichen Meer.
"Wohin des Wegs?" rief der ihm zu.
"Ich gehe zum Ozean", antwortete der Weise.
"Was willst du da tun?" fragte Yüan-Feng.
"Tun?" sagte der Weise.
"Der Ozean ist kein Ding,
das du durch Eingießen füllen
oder durch Ausschöpfen leeren kannst.
Ich gehe zu ihm,
um mich an ihm zu erfreuen."
 
 

STANDFESTIGKEIT - unbekannter Verfasser

Die Mutter bat ihren kleinen Sohn,
sich hinzusetzen,
aber er wollte unbedingt stehen.
Verärgert packte sie ihn schließlich
und setzte ihn auf einen Stuhl.
Einen Augenblick war es still
Dann sagte der Kleine trotzig:
"Außen sitze ich,
aber innen stehe ich noch!"
 
 

SO KÖNNEN SIE SICH ÄNDERN - Mark Twain

Zu Mark Twain kam einmal ein Siebzehnjähriger und erklärte:
"Ich verstehe mich mit meinem Vater nicht mehr. Jeden Tag Streit.
Er ist so rückständig, hat keinen Sinn für moderne Ideen. Was soll ich machen?
Ich laufe aus dem Haus."

Mark Twain antwortete:
"Junger Freund, ich kann sie gut verstehen. Als ich siebzehn Jahre alt war,
war mein Vater genauso ungebildet  Es war kein Aushalten. Aber haben Sie Geduld
mit so alten Leuten. Sie entwickeln sich langsamer.
Nach zehn Jahren, als ich 27 war, hatte er soviel dazugelernt, daß man sich schon
ganz vernünftig mit ihm unterhalten konnte.
Und was soll ich ihnen sagen? Heute, wo ich 37 bin - ob Sie es glauben oder nicht-,
wenn ich keinen Rat weiß, dann frage ich meinen alten Vater.
So können sie sich ändern."
 
 

DREI FRÖSCHE - Alte Fabel

Es gab drei Frösche, die fielen in ein Fass Milch.

Als sie nicht wieder herauskonnten, war einer unter ihnen, der sagte:
"Ach, wir werden schon irgendwie herauskommen, wir warten einfach ab, bis
jemand kommt." Er schwamm so lange herum, bis seine Atemwege von der Milch
verklebt waren. Dann ging er unter.

Der zweite sagte: "Man kann ja überhaupt nichts machen!" und ging gleich unter.

Der dritte sagte: "Wollen wir doch strampeln. Man kann nie wissen."
Und so strampelte er stundenlang. Plötzlich spürte er etwas Festes unter seinen
Füßen.
Er hatte aus der Milch Butter gestrampelt. Nun kletterte er auf den Butterkloß
und sprang hinaus.
 
 

VERTRAUEN - unbekannter Verfasser

In einem Krankenhaus lag ein Kind, das operiert werden sollte. Der Vater hatte es
ins Krankenhaus gebracht und versuchte, dem Kind Mut zu machen.

"Vater", sagte das Kind, "ich habe gar keine Angst, wenn du bei mir bleibst."

Da sagte der Vater:"Gut, ich bleibe bei dir." Der Arzt erlaubte es, und so setzte sich
der Vater neben sein Kind. Als das Kind Narkose bekommen sollte, sah es nochmals
den Vater an und fragte:
"Vater, bist du da?" Dann begann die Narkose zu wirken.
"Nun koennen Sie gehen", meinte der Arzt, als das Kind eingeschlummert war und
die Operation beginnen sollte.
"Nein", antwortete der Vater, "ich habe meinem Kind versprochen, und so moechte
ich auch bleiben."

Die Operation gelang. Als das Kind aus der Narkose erwachte, hielt der Vater noch
immer seine Hand.
"Vater, du bist da", sagte das Kind ganz leise und laechelte.
 
 

ZUFRIEDENHEIT - H. L. Gee

"Du siehst so unzufrieden aus", bemerkte ein Eimer zu seinem Kameraden, als sie
zum Brunnen kamen.

"Ach", meinte der andere, "ich dachte gerade daran, wie nutzlos es ist, immer neu
gefuellt zu werden, wenn wir doch immer wieder leer zurueck kommen."

"Na sowas", sagte der erste, "so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich freue mich
immer über den Gedanken, daß wir, obgleich wir leer kommen, doch immer gefuellt
wieder weggehen."
 
 

ARGUMENTE - H. L. Gee

Zwei chinesische Kulis hatten auf der Straße eine hitzige Auseinandersetzung, und
schnell sammelte sich ein Kreis von Neugierigen.

Ein englischer Tourist, der auch dabeistand, sagte zu seinem chinesischen
Begleiter, dass die beiden wohl bald handgreiflich werden wuerden. "Das glaube
ich nicht", antwortete der Chinese, "denn derjenige, der zuerst zuschlaegt, gibt damit
zu, dass ihm seine Argumente ausgegangen sind."
 
 

TRÄUME -  Bertolt Brecht

Es war einmal ein Prinz der auf einer Wiese war. Er dachte an schöne Schlösser.

Als er dann ein König war, bekam er sein schönes Schloß und dachte an die
schönen Wiesenblumen.
 

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