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Erste Windkraftanlage im Kreis wurde gestern in Welzheim aufgestellt / Gegner befürchten „Verspargelung“

Welzheimer Zeitung vom Mittwoch, den 22.12.2004

Gestern wurde in Welzheim die erste Windkraftanlage im Rems-Murr- Kreis errichtet. Sieben Jahre lang hatte die Initiative „Bürgerwind“ gegen heftigen Gegenwind zu kämpfen. Wegen Sturmböen wurde der Aufbau am Freitag vergangener Woche um ein paar Tage verschoben. Gestern schwieg der Wind.

AnlieferungZentimeter für Zentimeter senkte sich kurz nach halb drei Uhr der letzte, der etwa 25 Meter hohen Stahlmasten und dockte lautlos an den 40 Meter hohen Sockel an. Erst als die beiden Monteure im Inneren des Masten begannen, die Stahlrohre miteinander zu verschrauben, dröhnten metallische Schläge über die schneebedeckte Landschaft beim Aichstruter Wasserturm. 70 Meter hoch reckt sich der Mast in den Himmel. Samt Gondel und Rotoren misst die erste Windkraftanlage im Rems-Murr Kreis rund 100 Meter.

Am Montag war die Fuhrländer FL 1000 mit Tiefladern angeliefert worden: drei Masten mit je rund 25 Metern Länge, eine Gondel mit den Ausmaßen eines stattlichen Wohnmobils, die drei Meter große Nabe und die drei je 25 Meter langen Rotorblätter. Gestern früh wurde mit dem Aufbau der Anlage begonnen.

AufbauDie Aufstellung der „Bürgerwind“-Anlage wurde trotz Temperaturen knapp über Null zum Ereignis: Neugierige strömten, fotografierten und wärmten sich am offenen Feuer – oder auch mit Glühwein auf, den der Posaunenchor Welzheim samt Bratwürsten vom Grill servierte. 40 Tonnen wiegt allein die Gondel an der Spitze des Mastens, die von der Größe her einem stattlichen Wohnmobil oder einem Kleinlastwagen gleicht.Entspannt beobachtete Bürgerwind-Geschäftsführer Peter Fleischmann die Montage seiner Windkraftanlage, mit der für ihn und die Mitstreiter der „Initiative Erneuerbare Energien Welzheim" eine siebenjährige Planungs- und Leidenszeit zu Ende geht. „Ich genieße es“, sagte Fleischmann und schaute hinauf zum Kran und Mastfragment. Nicht nur einmal hat er an dem Projekt gezweifelt. Nur das Wissen, „Wir sind auf dem richtigen Weg“, habe sie weitermachen lassen. Sie verstehen die Windkraftanlage nicht als bloßes Renditeobjekt, sondern als „einen Beitrag für unsere Zukunft und die unserer Kinder und Enkel“.

1997 wurde die „Initiative Erneuerbare Energien Welzheim“ (IEEW) gegründet mit dem Ziel, bei Aichstrut eine Windkraftanlage mit einer Leistung von 1000 kW zu errichten. Der Gegenwind war heftig, bis der Regionalplan von 40 bis 50 möglichen Standorten in der Region Stuttgart neun übrig ließ, davon zwei auf dem Welzheimer Wald. Bei Aichstrut halten die Regionalplaner drei Anlagen für erträglich, bei Alfdorf-Brend je nach Sichtweise drei bis fünf.

Ob auch in Aichstrut noch weitere Anlagen gebaut werden, hängt nicht zuletzt vom Ertrag - und auch der Akzeptanz des ersten Windrades auf dem Welzheimer Wald ab. Peter Fleischmann ist optimistisch, dass die Anlage von der Bevölkerung angenommen wird und sich weitere Landwirte bereit erklären, ihre Grundstücke für die Windkraft zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile wurden 50 Bürger, vorwiegend aus dem Rems-Murr-Kreis, BürgerWind-Welzheim-Teilhaber und Kommanditisten der GmbH & Co. KG und finanzierten rund zwei Drittel der Investitionen in Höhe von fast einer Million Euro.

Sie werden an der Stromernte von voraussichtlich 1,2 Millionen Kilowattstunden im Jahr beteiligt, die den Strombedarf von 300 Familien deckt. Die wirtschaftliche Grundlage für Bürgerwind bietet das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG), das beim Verkauf an die Energieversorgungsunternehmen einen Preis von 8,8 Cent pro kWh garantiert, sofern die Anlage noch in diesem Jahr ans Netz geht.

„Gegenwind“ warnt vor Verspargelung

Wenn schon die Windkraftanlage am Aichstruter Wasserturm nicht zu verhindern war, so will die Bürgerinitiative „Gegenwind“ zumindest einem Windpark mit fünf Anlagen bei Alfdorf-Brend den Wind aus den Segeln nehmen. Seit gestern gehört „die unberührte Naturlandschaft des Welzheimer Waldes der Vergangenheit an“, nimmt „Gegenwind“ zur Aufstellung der Bürgerwind- Anlage Stellung: „Trotz des Widerstands von über 380 Bürgern des Welzheimer Waldes, die sich auf die Liste der Bürgerinitiative „Gegen-Wind“ Welzheimer Wald setzten, sowie 270 Anrainer- Bürgern wird vor den Toren Welzheims das „Symbol“ einer zwischenzeitlich stark angezweifelten Windenergiepolitik aufgestellt.“

Dem Willen der Regionalplanpolitiker folgend, habe der Bauausschuss des Welzheimer Gemeinderats den Windradstandort Welzheim befürwortet. In einem Antwortschreiben teilte der ehemalige Vorsitzende des „Naturparks Schwäbisch Fränkischer Wald", Landrat Johannes Fuchs, mit, dass beim Standort Welzheim „ein tragfähiger Kompromiss erzielt wurde, der den Naturpark nahezu unberührt lässt“. Dies zieht Gegenwind in Zweifel: Andere Standorte im Naturpark wie auch in der Region würden von Johannes Fuchs durchaus als schützenswerter eingestuft.

BaubeginnBei dieser angeblichen „Kompromisslösung“ sei zu bedenken, dass es sich bei diesen „Vorranggebieten“ um den Standort Welzheim-Aichstrut und den nahe liegenden Alfdorf-Brend handelt. Hier könnte in naher Zukunft ein „Kleinwindpark“ im Naturpark mit bis zu fünf Windrädern entstehen. „Dieses gilt es zu verhindern! Nur ein geschlossener Widerstand der hier betroffenen Bürger kann dazu führen, dass eine weitere Genehmigung von Windkraftanlagen durch den Landkreis nicht mehr erteilt wird“, schreiben Hartmut Heissenberger und Dr. med. Dietmar Herbst aus Welzheim namens der Initiative „Gegenwind“. Laut Baurechtsamt des Landratsamts Rems- Murr-Kreis sei der Betrieb der Windkraftanlage in Welzheim an Auflagen gebunden: Sollte sich ein Bürger durch „Schattenwurf“, „Lärm“ oder „Eiswurf“ belästigt fühlen, so könne er dies unverzüglich dem Baurechtsamt, Alter Postplatz 10 in Waiblingen, melden. Dieses hat dann zu entscheiden, ob die Windkraftanlage abzuschalten ist oder nicht. „Die Bürgerinitiative „Gegen- Wind“ Welzheimer Wald wird in der Zukunft alle Möglichkeiten ausschöpfen, um einer weiteren Verspargelung unserer schönen Naturlandschaft entgegenzuwirken.“

Erstes Windrad im Rems-Murr-Kreis

Welzheimer Zeitung vom Donnerstag, den 23.12.2004

Inbetriebnahme Weihnachten 2004Fast 100 Meter hoch in den blauen Himmel reckte sich gestern die erste Windkraftanlage beim Aichstruter Wasserturm im Rems-Murr- Kreis. Am Dienstagabend sind in 70 Meter Höhe die drei Rotoren an die Gondel moniert worden. Die Anlage soll noch in diesem Jahr ans Netz gehen, so der Betreiber, die Bürgerwind Welzheim GmbH & Co. KG, die nach siebenjährigen Bemühungen die Genehmigung erhalten hatte. Zwei Drittel der Investitionen in Höhe von 925.000 Euro wurden von Kapitalanlegern aufgebracht. Außer der ökonomischen Rendite aus Abschreibungen und künftigen Gewinnen aus der Stromerzeugung verspricht  Bürgerwind den Windanlegern auch eine ökologische Rendite: Die jährlich produzierten 1,2 Millionen Kilowattstunden Strom, was in etwa dem Stromverbrauch von 300 Haushalten entspricht, sparen der Umwelt 1550 Tonnen Kohlendioxid.

Eine Annäherung an das Bauwerk Windrad
Landschaftsprägend ist so eine Anlage allemal

Welzheimer Zeitung vom 31.05.2005

Es steht in der Landschaft. Ist landschaftsprägend. Im positiven wie im negativen Sinne. Das ist Ansichtssache. Eine Annäherung an ein Kunstwerk der Technik. Das Welzheimer Windrad. Das bislang einzige Exemplar im Rems-Murr-Kreis. Bei Alfdorf-Brend sollen noch drei dazu kommen.

Manchmal ist es unscheinbar, taucht unvermittelt am Horizont auf, wenn der Autofahrer oder Wanderer aus einer Talsenke kommt. Je nach Standort wirkt es groß oder gar vergleichsweise „mickrig“. Das Thema Windrad hat schon im Vorfeld viel Wind aufgewirbelt. Jetzt ist es selber auf diesen angewiesen.

Von Welzheim in Richtung Gschwend geht es Richtung Windrad. Da braucht man keinen Wegweiser. Gleich neben dem Aichstruter Wasserturm auf der anderen Straßenseite steht das fast 100 Meter hohe Bauwerk. Eine große weiße Säule mit einem roten Querstreifen, in 70 Meter Höhe die Nabe. Darauf zwei Blinklichter, die tagsüber den Flugverkehr warnen sollen. Der Rotor mit drei Flügeln hat einen Durchmesser von 54 Metern.

nach FertigstellungDie Sonne scheint, der Himmel ist blau. Es weht nur ein leichtes Lüftchen, das Windrad dreht sich nur langsam. Da plötzlich. Der Wind nimmt deutlich an Stärke zu. Im Innern des technischen Bauwerks rumort es. Die Flügel richten sich neu aus, drehen auf einmal viel schneller. Lieber mehr Abstand halten. Eine Mischung aus Respekt und Angst. Dabei hat die Windkraftanlage alles, was die heutige Technik so hergibt. Eine Hauptbremse und eine zweite Bremse. Die Nennleistung beträgt 1000 Kilowatt. Bei drei Meter in der Sekunde Luftgeschwindigkeit schaltet das Windrad ein, bei 20 Meter in der Sekunde schaltet es aus Sicherheitsgründen ab. „BürgerWind“ Welzheim hat die 925 000 Euro teure Anlage finanziert. Kommanditisten haben 500 000 Euro aufgebracht, 100 000 Euro sind als Fremdeinlagen ausgewiesen und 325 000 Euro sind Bankdarlehen.

Angefangen hatte alles im Jahr 1997, als Christof Stocker und Fritz Bareiß Mitstreiter für eine Windkraftanlage beim Haghof suchten. Daraus wurde nichts. Die Standortsuche ging weiter, Windgutachten, Gespräche mit vielen Behörden, eine Bürgeraktion machte gegen die Windkraft mobil. Das Ende der Odyssee: Am 26. Januar 2004 hatten die Initiatoren die schriftliche Genehmigung vorliegen.

Im Dezember 2004 wurde aus der Planung Ernst. Die Windkraftanlage der Firma Fuhrländer wurde montiert und ging alsbald in Betrieb. Die Aufregung war zunächst groß. An dem Bauwerk selbst störten sich weniger Menschen als zunächst erwartet. Zwei Blinklichter, die in der Genehmigung des Landratsamtes wegen des Flugverkehrs (ein Segelflugplatz grenzt an) vorgeschrieben worden waren, sorgten für Verwirrung und bei Nebel für Irrlicht. Über die Wintermonate fielen die Blinklichter regelmäßig aus. Inzwischen blinkt’s wieder tagsüber vom Windrad herunter, allerdings nicht mehr ganz so störend wie am Anfang.

Passt das Windrad nun in die Landschaft oder nicht? Gehört so eine große Anlage aufs Festland, wo doch am Meer viel bessere Ergebnisse zu erzielen sind und mit Windparks ein vielfaches an Strom erzeugt werden kann? Jeder hat darauf seine eigene Antwort, und die Meinungsunterschiede sind im Welzheimer Wald nach wie vor sehr groß.

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